«3, 2, 1 – Brücken schlagen»

11.10.2022
Ein Besuch im Museum, ins Kino gehen, an einem Tanzkurs teilnehmen oder ein Malatelier besuchen: Kultur und Sport bereichern unseren Alltag auf vielfältige Weise. Kaum vorstellbar, dass es in der Schweiz Menschen gibt, die kaum Zugang zu diesen Aktivitäten haben. Die KulturLegi bietet Lichtblicke im oft schwierigen Alltag von Menschen mit schmalem Budget.
Isa ist seit jeher sportbegeistert und war früher leidenschaftliche Tänzerin. Heute tanzt sie wieder, aber nur noch reduziert. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen musste sie ihr grosses Hobby zeitweise sogar aufgeben. Andreas engagiert sich im Sehbehinderten-Tandemverein Bern, spielt Cello und singt im Konzertchor. Ausserdem begeistert ihn neben dem Bergsport auch die Fotografie. Als Isa und Andreas mit dem Tandem zum Interview-Treffpunkt fahren, sieht man sofort, dass die beiden ein geübtes Team geworden sind. Normalerweise hätten sich ihre Wege wohl kaum gekreuzt, doch dank dem Lotsen-Programm der KulturLegi entstand eine echte Freundschaft.

Vom Tandem zur Freundschaft
Isa gehört nicht zur typischen Zielgruppe des Lotsen-Programmes. Da sie schon immer kultur- und sportaffin war, würde sie die KulturLegi auch alleine nutzen oder jemanden aus ihrem bestehenden Umfeld mitnehmen. Aber als sie auf das Angebot von Andreas stiess, dachte sie sich sofort: «Tandemfahren wird einem nicht jeden Tag angeboten, da muss ich mich melden». Nicht aus dem Antrieb heraus, unbedingt jemanden als Begleitung für Kultur und Sport haben zu müssen, sondern um eine einzigartige Gelegenheit zu nutzen. Gesagt – getan. Wenig später sassen Andreas und Isa also gemeinsam auf dem Tandem. Isa war vom Ausflug begeistert. Zuerst sollte das Treffen eine einmalige Sache bleiben. Dann kam die Corona-Pandemie und legte das kulturelle Leben mehrheitlich still. Isa musste auch noch nach den ersten Lockerungen auf vieles verzichten, da eine Impfung für sie aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich war. Doch dann meldete sich Andreas plötzlich wieder mit dem Vorschlag einer Veranstaltung im Zentrum Paul Klee – trotz immer noch unklarer Pandemie-Situation überzeugte er Isa, dass sich die beiden einfach mal anmelden sollten. Absagen könne man dann immer noch – genau diese unkomplizierte Art schätzt Isa sehr an Andreas: «Ich kann mal zurücklehnen und die Verantwortung abgeben». Dass die Chemie stimmt, erkennt man sofort, wenn man dem Duo heute begegnet. Andreas und Isa verbindet die Lust etwas zu erleben. Andreas schmunzelt: «Wir haben eine ganze Liste voller Projekte, die wir gemeinsam angehen wollen.» Was dabei nicht fehlen darf: Das Tandem. Sowie auch die Verwendung der KulturLegi «als eine grosse Erleichterung für das Budget» fester Bestandteil der Aktivitäten geworden ist.

KulturLegi und soziale Integration
Die KulturLegi trägt dazu bei, dass Personen trotz knappem Budget am sozialen, kulturellen und sportlichen Leben teilnehmen können und fördert eine aktive, eigenverantwortliche Integration. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist etwas, was für viele Menschen sehr wichtig ist. Isa beklage sich selten, dass sie mit wenigen finanziellen Mitteln leben müsse. Im Gegenteil, sie spende sogar noch einen Teil ihres Geldes und achte auf Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln. Klar muss sie sich bei gewissen Sachen einschränken. Aber es gibt Erlebnisse, auf welche sie nicht verzichten will: «Früher dachte ich immer, was ich alles machen wolle, wenn ich wieder ganz gesund bin. Heute habe ich mir eingestanden: Ich weiss nicht, wann ich wieder gesund werde. Ich muss jetzt leben, denn ich werde auch nicht jünger.»

Das Lotsen-Programm soll Brücken schlagen
Als Andreas zum Fototermin erscheint, hat er bereits klare Vorstellungen: «Wir sollten ein Foto auf einer Brücke machen, denn das macht das Lotsen-Programm der KulturLegi: Brücken schlagen». Doch wieso gerade das Symbolbild der Brücke?

Andreas ist Langzeit-Arbeitssuchender und profitiert selber von der KulturLegi. Als das Lotsen-Programm startete, dachte er sofort: «Ich kann ja auch etwas anbieten mit meinem Tandem». So wurde Andreas neben Kulturlegi-Nutzer auch Lotse und bietet neben dem Tandemfahren im Winter auch Schneeschuhwandern an. Es geht Andreas dabei darum, andere zu unterstützen, ihnen etwas mitzugeben und «etwas über die eigene Nasenspitze hinaus zu schauen.» Er könne so seine eigenen Fähigkeiten einsetzen, um den anderen etwas zu bieten. Man merkt, dass ihm das ein grosses Anliegen ist. Brücke: Es geht darum eine Verbindung herzustellen und Kontakte zu knüpfen und eben auch gegenseitig voneinander profitieren zu können.

Die Lotsenangebote sollen nicht nur der Vereinsamung von Menschen entgegenwirken, sondern auch neue Begegnungen ermöglichen, die berufliche Chancengleichheit fördern und armutsbetroffene Menschen in ihrer sozialen Integration stärken. Denn nicht alle Menschen haben wie Isa keine Probleme damit, auch alleine an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Es kann viel Überwindung kosten, alleine in ein Restaurant zu gehen, eine Vorstellung oder ein Fussballspiel zu besuchen. Deshalb wurde das Lotsen-Projekt ins Leben gerufen. «Etwas zu zweit zu erleben, macht oft auch einfach mehr Freude», so Andreas. Möglichkeiten dazu bietet das KulturLegi-Lotsen Angebot genug: Yoga im Museum, an einer Foxtrail Schnitzeljagd teilnehmen, ein Besuch im Botanischen Garten, Seilpark oder im Kino, oder auch ein Kunstatelier für Erwachsene.

Kaum ist das Gespräch offiziell vorbei, sprudelt Andreas schon wieder vor Ideen, was man noch machen könnte. Der Plan für heute Abend steht schon: Ein gemeinsames Abendessen. Andreas ruft «3, 2, 1», die beiden steigen auf das Tandem und weg sind sie.

Zur KulturLegi
Die KulturLegi ist ein persönlicher Ausweis für Menschen, die mit einem knappen Budget leben müssen. Mit der KulturLegi erhält man Rabatte von bis zu 70 Prozent auf Angebote aus Kultur, Bildung, Sport und Gesundheit – sei dies in Form eines vergünstigten Hallenbad- oder Zirkuseintritts oder eines günstigeren Volkshochschulkurses. Derzeit besitzen rund 7000 Personen aus 116 Gemeinden im Kanton Bern eine KulturLegi.
 
Kommentar und Ausblick
Armut führt häufig zu einer eingeschränkten Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben, manchmal bis zu sozialer Isolation. Seit 2019 begleiten freiwillige Lotsinnen und Lotsen KulturLegi-Nutzende zu Veranstaltungen für gemeinsame Kulturbesuche und interkulturellen Austausch. Das Angebot kam während der Corona-Pandemie ins Stocken. Es war fast unmöglich, unbeschwert mit unbekannten Personen gemeinsam Aktivitäten  durchzuführen. Nun wollen wir richtig durchstarten.
Die Geschichte von Andreas und Isa zeigt, das Lotsen-Programm kann zu echten Freundschaften führen: Was natürlich sehr schön ist. Das Programm ist aber auch für Menschen gedacht, welche gerne ein einmaliges kulturelles- oder Sportereignis in der Gruppe erleben möchten. Langfristig ist es das Ziel, dass sich Menschen mit gleichen Interessen treffen,  sich selbst organisieren und an der Gesellschaft partizipieren. Sowohl Leute welche Interesse haben Lotsinnen und Lotsen zu werden, aber auch Leute, welche gerne Veranstaltungen in der Gruppe besuchen möchten, finden hier mehr Informationen.
Erleben wir gemeinsam Kultur.  Gonca Kuleli Koru, Leiterin Kulturlegi Bern